Kolumne

Eine Polemik anlässlich des Aaljahres 2009

 

Im Lexikon mag er ganz weit vorne stehen, in der Gunst des Fliegenfischers rangiert er bestenfalls irgendwo zwischen Quappe und Qualle. Daran ändert auch nichts, dass der Aal gerade in einer konzertierten Aktion der zuständigen Verbände zum Fisch des Jahres 2009 gekürt wurde.

Verfügte das Bundesamt für Naturschutz über ähnlich ansehnliche Mittel wie die Bundesregierung, hätte man dem lichtscheuen Gesellen wahrscheinlich noch ein 500-Milliarden-Euro-Paket geschnürt: Als kleine Wegzehrung für seine beschwerliche Reise von den Bermudas bis Rottach-Egern. Dass der Aal in den warmen Wogen rund um das tropischen Steuerparadies sein geschmeidiges Dasein beginnt, um sich Jahre später in oberbayerischen Forellenbächen zu mästen, macht den Gierschlund etwa so sympathisch wie die Lehman-Brothers. Und was ist schon von einer Unterwasserschlange zu halten, die sich ohne Rücksicht auf Verluste den Köder bis zum Bodenblei einverleibt?


Glücklicherweise machen das glitschige Unterweltsgeschöpf und der Fliegenfischer schon wegen ihres gegenläufigen Biorhythmus’ selten miteinander Bekanntschaft. Es sei denn, der Leinenwerfer versäumt sich wegen eines späten Abendsprungs am dämmrigen Bachufer, und die kurzsichtige Nachtkreatur verwechselt die tiefgeführte Sedge mit einem Elritzchen. Dann geht es dem Fliegenfischer allerdings ein bisschen wie dem unvorsichtigen Partygast, der versehentlich mit der Plunze des Abends anbandelt. Denn hat der Aal erst einmal angebissen, ist er kaum mehr abzuschütteln. Da hilft nur, die Schnur zu kappen und das Weite zu suchen, bevor das Ungeheuer seine Schleimspur auf der Wathose hinterlässt oder in die Stiefel kriecht.

Mit dem Image des Urängste schürenden Alptraumtiers steht es ja ohnehin nicht zum Besten. Seinen weltliterarischen Auftritt hatte der Aal als Ekelpaket, das in Grass’ „Blechtrommel“ aus verwesenden Pferdeköpfen kriecht. Und wer als Geburtsort die spukige Saragossasee angeben muss, die sonst nur vom Kurs abgekommene Schiffe und Flugzeuge in die Tiefe reißt, kann auf spontane Vertrauensbezeugungen ja auch kaum hoffen.

Natürlich finden sich auch unter den Fischjägern Sonderlinge die ganz versessen darauf sind, zu nachtschlafender Zeit den Schnurverhau zu entwirren, den die Schlammschlange anrichtet, wenn man sie aus ihrem trüben Element zerrt. Aber schließlich gibt es ja auch Lebensmüde, die sich mit Alligatoren anlegen oder mit Kobras kuscheln.

Und dass es bei dem unheimlichen Getier ganz und gar nicht mit rechten Dingen zugeht, merkt der Angler spätestens, wenn er seine Beute mit einem Schlag auf den Kopf ins Jenseits befördern möchte. Das beeindruckt den Aal so wenig wie die Bleikugel den Vampir. Wahrscheinlich ist dem schaurigen Allesfresser nur mit einem Holzpflock beizukommen, den der Geisterjäger ihm ins Herz rammt.

Nein, der Christenmensch und aufrechte Petrijünger möchte mit dem Aal und seinen dunklen Mächten nichts zu schaffen haben. Aus und Amen.


Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von seinem Verfasser,  unserem Mitglied Sven Goergens zur Verfügung gestellt.
Danke dafür, Sven!
Wie für alle Artikel in der Kolumne gilt auch diesmal wieder: Die in dieser Rubrik veröffentlichten Artikel spiegeln die Meinung der jeweiligen Autoren wider, sollen zu Diskussionen anregen und bei persönlicher Betroffenheit nicht allzu ernst genommen werden. Hier ist der Raum für Satire, Humor und polarisierende Polemik!


Mitglieder-Login

DIF-Kalender

Oktober 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3