Kolumne

Düstere Gedanken zum Spätherbstangeln

Manchmal rächt sich die Forelle für die unerwünschte Aufmerksamkeit, die ihr der Angler zollt. Dann verfällt sie auf einen einfachen, aber sehr wirkungsvollen Trick. Sie bestraft ihren beharrlichen Feind mit vollkommener Nichtbeachtung. Sie lässt ihn Nymphen und Fliegen ans Vorfach knüpfen, bis seine Finger verkrampfen. Sie lässt ihn in tiefe Rinnen stapfen, bis seine Watstiefel volllaufen. Und nimmt noch nicht einmal Notiz, wenn der Aufdringliche, blutig zerkratzt vom dornigen Unterholz, kaum einen Meter entfernt ins Wasser stolpert.

Stoisch steht die Gepunktete in der Strömung und tut als ginge sie Hasenohren und Fasanenschwänze, Maifliegen, Aufsteiger und überhaupt die ganze Insektenwelt nicht das Geringste an. Wenn schließlich der Frust den Jagdtrieb besiegt, und der Angler seelisch zerrüttet seine Gerte zusammenlegt, schlürft die Forelle ostentativ eine notgelandete Mücke, zeigt dem fassungslosen Leinenwerfer ihr tadellos weißes Gebiss, und rudert gelassen zu ihrem Standplatz zurück.

In solchen Augenblicken ist die Demütigung vollkommen, und des Anglers Selbstbewusstsein kleiner als das Ei einer Elritze.

Für den Salmonidenfreund sind November und Dezember deswegen kritische Monate: Die liebestollen Bachforellen vergnügen sich mit gesetzlichem Schutzbrief untereinander, während ihre amerikanischen Verwandten träge in dunklen Gumpen schaukeln. Ohne rechten Appetit begutachten sie dort unser Imitatssortiment, und nur mit zäher Geduld und wenig eleganter Methode(Bleischrot,Sinkschnur)lassen sich die spätherbstlichen Regenbogner überlisten.

Ich hocke mich dann reichlich demoralisiert ins nasse Laub und grüble, warum ich bloß den Fischen ihren Frieden nicht lassen kann. Antropologen würden auf eine atavistische Jäger-Sammler-Neurose tippen, Psychologen auf ein zwanghaftes Kompensationsverhalten für ausbleibende Erfolgserlebnisse im Beruf, und meine Freundin hielte wahrscheinlich noch delikatere Analysen parat.

Natürlich irren sie alle: Wir Fischer sind schlicht und ergreifend unverbesserliche Naturfreunde, die sich mit großer Begeisterung bei nasskaltem Niederschlag und novemberlichen Bodennebel einen schlimmen Schnupfen holen. Wir lieben es, wenn die Finger beim Werfen taub von der Kälte werden und die Füße in den Stiefeln zu Eis erstarren. Wir sind ganz aus dem Häuschen vor Freude, wenn uns beim Drillen der Mahagoni-Kescher aus den klammen Händen gleitet und sich mit der Strömung davonmacht. Und wir kriegen uns gar nicht mehr ein, wenn schließlich im Halbdunkel der frühen Abenddämmerung das Auto im Lehmacker stecken bleibt.

Nur eines stimmt uns ein wenig traurig: Wir wünschten uns ein bisschen mehr Bewunderung für unseren völlig überflüssigen Wagemut, und ein wenig mehr Beifall für unsere unverlangte Selbstaufopferung und törichte Ausdauer.

Einen kräftigen Applaus bitte, meine Damen und Herren Forellen! Klatschen Sie in die Flossen!

 

Sven F. Goergens arbeitet als Redakteur beim Nachrichtenmagazin Focus. Bei den Isarfischern versucht er sich seit mehreren Jahren mit der Fliegenrute. Weil Forellen seine Lieblingstiere sind, lässt er sie meistens wieder schwimmen.

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